Wie KI von Wikipedia profitiert
Wikipedia gilt als die wertvollste kuratierte Datenquelle im Netz, mit Inhalten, die gemeinschaftlich erstellt wurden, kostenlos und frei zugänglich sind. Die Basis dafür ist die Arbeit tausender unbezahlter Editor:innen und die Unterstützung von Millionen Kleinspender:innen. Diese Leistung bildet die Grundlage, auf der heute nahezu alle großen Sprachmodelle trainiert werden.
In den letzten Jahren verzeichnet die Plattform einen deutlichen Anstieg des Datenverkehrs, der überwiegend auf automatisierte Zugriffe durch KI-Systeme und spezialisierte Crawler zurückzuführen ist. Diese Programme extrahieren Inhalte in großem Umfang, um Sprachmodelle und Suchtechnologien zu trainieren oder ihre Wissensbasis zu erweitern.
Diese Entwicklung hat technische und wirtschaftliche Auswirkungen: Der erhöhte Datenabruf führt zu einer stärkeren Belastung der Serverinfrastruktur, zu höherem Energieverbrauch und zu komplexeren Anforderungen an Wartung und Systemstabilität. Mit der Zunahme automatisierter Zugriffe steigen auch die Betriebskosten – von der Infrastruktur bis zum Support.
Freies Wissen vs. Datenökosystem
Die Wissensarbeit der Zukunft kann nicht auf Kostenlosigkeit (Gratiskultur Internet) basieren, sondern erfordert faire und nachhaltige Modelle. Wikimedia Enterprise zeigt dafür einen möglichen Weg: strukturierter, lizenzierter Datenzugriff über APIs gegen Bezahlung, inklusive Service-Level-Agreements und technischer Support. KI-Unternehmen nutzen frei verfügbare Inhalte, ohne zu den Betriebskosten beizutragen, während Wikipedia für Server, Moderation und Qualitätssicherung aufkommt. Der offizielle Datenzugriff über Wikimedia Enterprise wird kaum genutzt.
Unbezahlbar wertvoll – trotzdem gratis
Die Qualität ihrer Inhalte macht Wikipedia zu einer unverzichtbaren Grundlage für KI-Systeme. Was für KI-Unternehmen kostenlose, hochwertige Trainingsdaten sind, bedeutet für Wikipedia reale Kosten. Das Wissen, die Zeit und die Arbeit tausender Freiwilliger werden zum Rohstoff industrieller Wertschöpfung – ohne Beteiligung der Quelle.
Wikipedia steht exemplarisch für das grundlegende Dilemma des offenen Internets: Je wertvoller ein digitales Gemeingut wird, desto stärker wird es genutzt, meist ohne Gegenleistung. Wikimedia Enterprise versucht, diesen Konflikt zu lösen: durch bezahlte, strukturierte Datenzugänge mit garantierter Verfügbarkeit und technischem Support.
Zwischen Datennutzung und Datenverantwortung
Wikipedia steckt in einer paradoxen Lage: Ohne offene Inhalte verliert die Plattform ihre Relevanz. Mit unkontrolliertem Zugriff verliert Wikipedia Stabilität. Wikipedias Infrastruktur steht unter Druck, ausgelöst durch Massen an automatisierter Datenextraktion.
Der Datenfluss verläuft derzeit überwiegend in eine Richtung: KI-Systeme profitieren von offenen Wissensquellen, ohne zur deren Erhalt beizutragen. Eine verantwortungsvolle Automatisierung erfordert mehr als regulatorische Compliance. Sie verlangt Gegenseitigkeit. Wer KI entwickelt oder einsetzt, muss die Herkunft seiner Trainingsdaten kennen und die daraus entstehende Verantwortung ernst nehmen.
Mit dem EU AI Act rückt diese Verantwortung erstmals in den regulatorischen Fokus. Das Gesetz verlangt Transparenz über Trainingsdaten und Herkunftsnachweise – ein Schritt hin zu mehr Nachvollziehbarkeit und Fairness in der KI-Entwicklung. Ein sichtbares Beispiel für diesen Wandel sind AI Disclaimer, die deutlich machen, wenn Inhalte durch KI generiert oder verändert wurden.
Von der Gratiskultur zur Verantwortungskultur
Freies Wissen ist kein Selbstläufer. Wenn hochwertige Inhalte und Plattformen wie Wikipedia überleben sollen, braucht es neue Geschäftslogiken:
- APIs statt Web Scraping
– bezahlte, kontrollierte Datenzugänge - Attribution statt Unsichtbarkeit
– Quellenangabe als ökonomischer Faktor - Kooperation statt Extraktion
– Partnerschaften zwischen KI- und Wissensorganisationen
Fehlt die Verbindung zwischen KI, Design und Ethik, verliert die digitale Wissensgesellschaft ihr Fundament: Glaubwürdigkeit. Wenn Wertschöpfung dauerhaft nur bei den Nutzenden der Daten verbleibt, wird Wissen zur erschöpften Ressource. Wer als KI-Unternehmen Verantwortung übernimmt und Quellen stärkt, gestaltet eine faire und zukunftsfähige Wissensordnung.
Garbage In. Garbage Out.
KI-basierte Wissenssysteme haben ihre Grenzen. Halluzinationen, falsche oder irreführende Ergebnisse können problematisch sein, insbesondere wenn Nutzer:innen Sprachmodellen Faktenwissen anvertrauen. Wenn KI-Modelle wiederum mit von KI generierten Inhalten trainiert werden, droht das Phänomen des Model Collapse: ein Leistungsabfall, bei dem Systeme mit der Zeit an Genauigkeit und Qualität verlieren.
Datenqualität ist ein Wettbewerbsfaktor. „Garbage In. Garbage Out.“ beschreibt die Grenzen automatisierter Systeme. Saubere Daten entstehen nur durch kontinuierliche Pflege, Moderation und Verantwortung. Wikipedia bleicht unverzichtbar als Wissensquelle im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, weil menschliche Kuration nicht ersetzt werden kann.
Saubere, verlässliche Daten entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis menschlicher Kuratierung, Diskussion und Qualitätskontrolle. Ein geregelter, transparenter Datenaustausch ist zentraler Faktor nachhaltiger Technologiepolitik. Das fehlende Bewusstsein für den Wert der Wissensquellen hinter KI ist ein blinder Fleck der digitalen Transformation.
Fairness im digitalen Zeitalter
Offenes Wissen bildet das Fundament moderner KI, doch sein Erhalt wird kaum finanziert. Wenn Wertschöpfung auf gemeinschaftlicher Arbeit basiert, braucht sie faire Rückflüsse. Fairness ist Teil wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. In einer Welt, in der Bots Wissen generieren, hat man schlechtere Inhalte. Mit jeder Schicht algorithmischer Abstraktion gehen Kreativität und Innovation verloren.
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Künstliche Intelligenz ist ein Tool, das verstärkt unsere gesellschaftlichen Biases reflektiert als Fakten und Objektivität. KI-Systeme, gespeist aus statistischen Modellen und Wahrscheinlichkeiten, prägen zunehmend unsere Wahrnehmung von der Welt und Wissen. Das Vertrauen in Informationsquellen wandert verstärkt vom Menschen zur Maschine. Vertrauen wird jedoch durch Transparenz, Dialog und Verantwortlichkeit geschaffen.
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Gerne begleite ich Sie und Ihr Team dabei, AI Kompetenzen aufzubauen. Artikel 4 des AI Act verpflichtet Unternehmen, ihre Mitarbeitenden im Umgang mit KI-Systemen zu schulen, damit sie deren Chancen nutzen und zugleich Risiken oder Schäden rechtzeitig erkennen können. Ich freue mich auf das Kennenlernen.
Weiterführende Informationen
Wikimedia Enterprise
Modern APIs, Credibility Signals, Clear Licensing
New User Trends on Wikipedia
Wikimedia Movement, 17.10.2025
Can Humans And Bots Share The Internet. Wikipedia thinks so.
IBM Think, 14.10.2025
Content Indepence Day: No AI Crawl Without Compensation
The Cloudfare Blog, 01.07.2025
New AI Strategy: Wikipedias Humans First
Wikimedia Foundation, 30.04.2025